Die Geschichte eines Turmfalken aus der Wildnis, der sich aber verhielt, als wäre er zahm

              

Ich bekam einen Anruf. Von der Tierklinik in Biel-Benken. Sie sind in der gleichen Gewerbezone untergebracht wie die Firma, in der ich arbeite. Und natürlich sind sie froh, eine Ansprechperson für Vögel zu haben.

Nun, sie hatten einen Falken erhalten. Ich guckte ihn mir an. Tatsächlich. Ein Turmfalke, Adulter Terzel. Also, ein Männchen. Ich untersuchte ihn, fand aber keine Verletzungen, er wirkte nur etwas benommen, der Blick war aber klar. Da er neben der Strasse gefunden wurde, ging ich von einer Kollision mit einem Auto aus. Da ich einen strengen Terminplan hatte, beschloss ich, ihn zu mir nach Hause in die grosse Voliere zu nehmen, auf Möhlin schaffte ich es nun definitiv nicht. Dort angekommen setzte ich ihn ab und legte ihm eine Maus in den Käfig.
Stunden später, als ich wieder zu Hause war, lag die Maus noch dort, der Vogel sass am Boden.
Am nächsten Morgen immer noch alles beim alten. Ich fuhr zur Arbeit, abends zu hause, alles noch gleich. Hallo? War dieser Vogel ausgestopft? Sollte ich den zwangsfüttern? Telefon an den befreundeten Falkner: ja, mach eine Zwangsfütterung. Gut, ich eine Maus geholt, in Stücke geschnitten (eine der unangenehmen Seiten dieser Arbeit...) und dem Falken hingehalten. Nichts...  Ich nahm ein Stück Maus (irgendwas zwischen Bauch und Hüfte) zwischen die Finger und hielt es dem Falken hin----schnapp, war es weg. Ok! So fütterte ich die ganze Maus. Am nächsten Morgen, der Falke sass inzwischen auf dem untersten Ast, das selbe Spiel wieder.

Abends stelle ich ihm die Schüssel mit den Stücken hin, frass er. Ok, ein Fortschritt. Das Spielchen dauerte die nächsten Tage. Der Falke wurde immer munterer und eines Tages bei der Fütterung, schoss er urplötzlich aus dem Käfig---und sass mir auf dem Schoss! Nun ja, wenns denn bequem ist. Er frass genüsslich seine Mausestückchen zu Ende und flatterte dann auf einen Ast im Zimmer. Gut, Du willst das ganze Zimmer? Kannst Du haben. Zeitungen wurden geholt, alles abgedichtet.
Abends kam ich nach Hause, der Falke sass auf seinem Ast. Kaum erblickte er mich, begann er zu "nicken" und ehe ich mich versah, flog er an und landete auf meinem Käppi. Sass mir also auf dem Kopf und erwartete sein Futter. Ich nahm ihn auf den Handschuh, liess er sich ohne weiteres gefallen und dann frass er von dort in einer Seelenruhe seine Maus. Das ganze spielte wir tagelang ab. Ich kam ins Zimmer, er kam auf den Handschuh geflogen und frass sein Futter. Aber es war definitiv ein wilder Falke!

Nach vielen Tagen fand ich, er solle nun selbst eine Maus rupfen. Wollte er aber nicht, er rührte sie nicht an. Erst als ich sie aufschnitt, begann er, Stücke herauszureissen. Auch das wiederholten wir einige Tage, bis er dann doch endlich seine erste ganze Maus alleine frass. Nun war die Zeit gekommen, den zahmen Freund auszuwildern. Da er aus der Gegend stammte, wo ich arbeite und auch immer mit den Hunden die Mittagspause verbringe, wolle ich ihn, zur Wiedererkennung, markiert haben. Also erhiellt er einen blauen Plastikring. Eines schönen Tages packte ich ihn, setzte ihn in die Kastenkiste und ab gings. Am Ort des Auswilderns wollte er nicht aus dem Kistchen. Schliesslich kletterte er auf den hingehaltenen Arm und besah sich die Landschaft. Dann endlich flog er los, wie ein Pfeil. Er kreiste, schraubte sich hoch und verschwand dann....